Volunteering; Marine Conservation

Eine Insel, die unseren Regeln folgt und wir, die ihren folgen. Am verblichenen Holzsteg liegen nur zwei Boote. Vor den Bungalows am Hang flattern die Handtücher und die Steine und Muscheln mischen sich in meinem Blick mit dem türkis des Meeres und der chaotischen Ordnung unseres „Wohnzimmers“.
Hier, im Hauptbungalow, stehen Tische und hängen Hängematten. Plastikbecher und Seepferdchen-Zeichnungen, Logbücher und Kochtöpfe. Ein Chaos, das die nächsten 4 Wochen meine Ordnung sein wird. Koh Seh; 6 Bungalows, zwei Zelte, ein Diveshet, ein Hauptbungalow, ein Volleyballfeld, drei Bunker, dutzende Hängematten, sechs Hunde, sechs Kinder, ein paar Seepferdchen.IMG_5363IMG_5407 IMG_5347DCIM100GOPROGOPR1845. DCIM100GOPROGOPR1827.


Die Decke kratzt ein bisschen unter meinen Beinen. Das Gras hier ist zu lang, die Äste darin schon vor Wochen von den Bäumen gefallen. Im Schatten des Hauses wiegen sich zwei Hängematten. Die Frauen darin lächeln freundlich, ich fühle mich trotzdem ein bisschen wie ein Eindringling. Es macht mich verlegen, dass ich die Sprache nicht spreche. Dass vermutlich der Moment gekommen ist, an dem es besser wäre mehr zu können als zu lächeln und zu nicken. Ich schiebe meine Füße unter meinen Schoß, denn hier ist es unhöflich sie innerhalb des Kreises zu strecken. Bas neben mir rutscht ein bisschen nach hinten und Matteo ordnet den Fragebogen. Der Fischermann setzt sich. Er ist klein und dünn, am Arm ein Tattoo, das schon verblasst. Ich glaube er ist nervös, aber im nächsten Moment denke ich, dass ich mich täusche. Trotzdem zerbröselt er während unserer Fragen das trockene Laub vor seinen Füßen.

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An mir vorbei schweben tausende Partikel, denen ich keinen Namen gebe. Es ist düster, über uns ist es hell. Die Blubberblasen lecken mein Gesicht bevor sie an die Oberfläche tanzen. Ich drücke den Daumen in den weichen Boden und kneife die Augen zusammen. Das Seegras vor mir wiegt sich.DCIM100GOPROG0161865.


Das Schiff wankt. Die Sterne über uns umrahmen eine Welt, in der die Taschenlampen aufblitzen und Nang schreit. Seine Stimme bricht, wenn er wütend ist. Ein Junge, dessen Sprache sonst aus einem Lachen besteht. Die Wellen schaukeln uns und ich sehe Paul wie er nur wenige Meter von uns auf dem „Middle Boat“ steht, den einen Arm um sich zu halten. Denn zwischen unseren Booten liegt ein Weiteres. Sein Holz kracht gegen unseres. Die Fischernetze rutschen von einer Seite zur Anderen und der Fischer, vorher noch seelenruhig dabei zu sortieren, blickt mich nun fassungslos an. Die Netze die dort liegen, sind illegal. Einmal im Wasser nehmen sie alles mit, was sich vom Boden aufwärts befindet. Alle drei Boote befinden sich in Aufruhr. Hier also ist der Augenblick in dem Moral, Gesetz, Zukunft, Vergangenheit, Gewissen und Pflicht aufeinanderprallen. Ich frage mich nicht sofort was dieser Mann dort für ein Leben führt, doch am nächsten Tag fragen wir es uns Alle. Konnte er seine Familie ernähren auch wenn wir ihm eine Nacht seiner Arbeit gestohlen haben? Wie viele Fische, bedrohte Arten, hat er trotzdem illegal aus dem Meer gefischt, so dass andere Fischer kaum noch Bestände haben und das Ökosystem zusammenbricht? Wer hat das Recht wozu? Wie lange wird das noch so gehen? Was sind die Lösungen?
Große Verbrechen im kleinen Maß. Denn was illegale Fischer in Kambodscha können, kann der Westen schon viel länger.IMG_5345


Der Regen prasselt in riesigen Tropfen auf die Wasseroberfläche. Mit jedem einzelnen drückt sich das Wasser gleichzeitig hoch und es sieht ein bisschen so aus als würden sich kleine Türme formen. Solche, die sich zum Himmel recken.


Da ist der Kopf. Kurz blitzt er vor meinen Augen auf. Das erste Seepferdchen nach zwei Wochen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob dort tatsächlich ein Kopf war oder nur eine weitere Schnur des Netzes, an dem es sich unterhalb der Boje festhält. Meine Brille ist beschlagen, ein Wassertropfen tanzt genau vor meiner Pupille. Ich kneife die Augen zusammen.


Hier unten ist es still. Wir treiben dort. Keiner sagt etwas, ab und zu drehen wir uns zueinander um, versichern uns, dass wir noch alle da sind. Hier sind wir gleich.


Roisin zeigt mit dem Finger auf die Netze, die die Kambodschaner gerade versuchen vor uns zu verstecken. Wir sind aufgebracht und können uns nicht verständigen. Bot bleibt ganz ruhig. „Gentle“, sagt er. Denn so funktioniert hier die Welt. Man ist erstmal nett zueinander, lächelt und druckst herum anstatt auf den Punkt zu kommen. Die Fischerfamilie packt ihre Töpfe zusammen, sammelt die Muscheln auf, die wir ihnen nicht abgekauft haben und ich sitze dort und finde keinen Sinn. Jeder redet durcheinander, keine Absprache, nur ein Versuch.
Es gibt Regeln. Irgendwo festgelegt, blitzen sie höhnisch in dem Lachen der Fischer. Sie sind arm, sie sind hier Zuhause und sie sind so „gentle“, dass mir schlecht davon wird. Dann wird mir am nächsten Tag bewusst, dass wir immer alles besser wissen und schiebe die Schrimps beim Essen ein bisschen weiter von mir weg.

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Der Gouverneur trägt heute Jogginganzug. Seine Bodyguards beäugen uns. Ob es ist weil ich blond bin oder weil ich so unglaublich gefährlich aussehe? In Kambodscha stößt man beim Trinken alle 10 Sekunden an. Ich nippe um 14.30 an meinem Bier.
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Auf dem Boot stapelt sich das Proviant und die Wellen schlagen Furchen in die Wasseroberfläche. Wenn er sich bewegt, ist da nichts von einem Rhythmus. Jeder seiner Schritte spielt dagegen, jeder seiner Handbewegungen ein bisschen zu stark, ein wenig zu fordernd. Hier trägt niemand Samthandschuhe, die See ist rau, das Lied vom Leben auch. Er tanzt gegen die Choreografie, ist ihr vielleicht sogar immer einen schnellen Schritt voraus. Ich sitze dort und sehe ihm dabei zu, wie er sich selbst viel zu ernst nimmt und alles andere zu leicht. Die Sehnen unter der dunklen Haut spannen sich, die Lippen leicht aufeinandergepresst. Er singt ein trauriges Lied. Wenn er dort sitzt, ist er klein. Ich schaue auf seine Wange, die Stelle wo sie zum Auge übergeht und sehe mir all seine Narben an. Striche und Risse die sich über seinen jungen Körper ziehen. Sie haben kein Muster, es ist keine Karte, nichts was ihn bestimmt, nichts was ihn erklärt. Sie sind Teil aber keine Definition und man steht ratlos, weil man weiß ohne zu verstehen. Er trägt sie mit Stolz aber seine Stimme ist schwach wenn er im brüchigen Englisch von ihnen erzählt.
Ich will so viel sagen, sagt er und winkt dann Richtung Meer ab. Es ist okay, antworte ich.

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Danke an “Marine Conservation Cambodia” für die schöne Zeit.

www.marineconservationcambodia.org/


 

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