Hoi An

Jemand schlägt mir mit aller Gewalt gegen die Schulter. Ich lasse die Schlafmaske auf, kneife die Augen zusammen und konzentriere mich darauf nicht aufzuwachen.
Nochmal. Noch stärker. Vielleicht ist es ja Madita, vielleicht ist irgendetwas passiert? Ich reiße mich hoch, ziehe die Maske einen Spalt breit ab und schaue nach links. Madita sitzt dort und tut nichts. Neben meinem Gesicht taucht eine Hand auf, die etwas in Plastik Eingepacktes unter meine Nase hält. Ich verstehe nicht sofort wie das alles miteinander zusammenhängt und kann auch nicht erkennen was sich unter dem Plastik befindet. Die Frau die zu der Hand gehört zu der das Plastik gehört, zetert ein bisschen vor sich hin und es fehlen nur noch wenige Millimeter bis das Plastik meine Haut berührt. Ich schüttele den Kopf, zu perplex um gehörig zurückzuschlagen oder eine angemessene Szene hinzulegen. Die restlichen 5 Stunden Fahrtzeit von Nha Trang nach Hoi An mach ich kein Auge mehr zu. Die Sonne geht über den Reisfeldern und Bananenpflanzen auf, erst schüchtern und neblig, dann immer greller. Der Zug rattert dahin.
Ich frage mich, was wohl in dem Plastik eingepackt war. Manchmal frage ich mich das noch heute.
Der Zug hält in Da Nang, wir schleppen unsere sieben Sachen zum Ausgang und wollen den Bus nehmen. Der hält aber nicht hier sondern sonst wo. Ein Vietnamese dessen Alter ungeklärt bleibt und der aussieht wie ein Ninja, murmelt etwas durch seine Mundmaske. Wenn ich richtig verstehe, bezahlt er das Taxi zur Bushaltestelle für uns mit, weil auch er dorthin muss. Fantastisch, da sagen wir nicht nein.
Der „Local Bus“ gestaltet sich etwas anders als der in unserer Heimat. Hier müsste selbst die Frau mit Rollstuhl fix hineinspringen oder könnte es ansonsten sofort vergessen. Der Mann an der Hintertür schreit, der Bus fährt minimal langsamer. Er nähert sich dem Bürgersteig, die Tür öffnet sich, ich sehe Füße die rennen und eine Tüte mit Salat fliegt durch die Luft. Der Mann an der Tür streckt die Arme aus, grün und Plastik vor Häuserwänden, ein Moment, ein Bild nach dem anderen. Dann plumpst die Tüte am Mann vorbei auf den Asphalt. Auch die Füße und der dazugehörige Mensch schaffen es nicht. Ich stelle mir vor wie ich mit meinem Koffer aussteige, der aussieht wie mein persönlicher Schildkrötenpanzer. Nervös blicke ich abwechselnd aus dem Fenster und auf meine Karten-App.
Hoi An beginnt wie viele andere vietnamesische Städte mit vielen Seitengassen, bunten Häusern, abgeblichen jedoch, etwas bröckelnd, die Vorgärten etwas zu unordentlich, die Seitenstraßen Blick gebend auf spielende Kinder, Hunde, Motorräder.
Wir steigen am Busbahnhof aus. Kein springen also- ich atme aus.
„Jolies Homestay“ erreichen wir zu Fuß. Lila Blumen hängen von Bäumen über dem Bürgersteig und die ganze Familie tummelt sich in der Küche während wir frühstücken. In einem Zimmer dessen Badezimmerwand verglast ist, verbringen wir die nächsten 5 Nächte.
Hoi An wird dir von jedem vorgeschlagen werden, den du in Vietnam triffst. Doch viele Backpacker stehen erstmal etwas verwirrt zwischen den europäisch anmutenden Gassen und fragen sich wohin. Bis hierhin haben sie es geschafft. Hoh-Chi-Minh-City haben sie überlebt, die Dschungeltouren und Fahrradtouren mit waghalsigen Fahrstil hinter sich gelassen, mit dem Motorrad Schlaglöchern ausgewichen und sich auf vietnamesischen Märkten die Ohren zuschreien lassen. Aber Hoi An überfordert. Denn Hoi An wirkt wie ausgestanzt aus einer anderen Urlauberwelt. Allerdings vor abermillionen vor Jahren, so perfekt alt und geheimnisvoll wie das gelb der Häuserwände leuchtet. Hier wirkt alles etwas zivilisierter, etwas langweiliger vielleicht, etwas ruhiger. IMG_3951 IMG_3953 IMG_4003 IMG_3965 IMG_4019 IMG_4021IMG_4039 IMG_4070 IMG_4072 IMG_4053 IMG_4061 IMG_4075 IMG_4082 IMG_4084 IMG_4109 IMG_4125 IMG_4130 IMG_4134 IMG_4142 IMG_4144 IMG_4146 IMG_4172 IMG_4168

Wir sind nicht überfordert, werfen uns in die gewohnten Muster und steigen auf die Fahrräder, die es bei Jolies Homestay kostenlos gibt.
Wenn wir Richtung „Vegetable Village“ fahren, ändern sich die Straßen. Was groß war, wird klein und friedlich. Die Straßen eng und sandig, die Felder dafür weiter und auf den Pflanzen und Teichen liegt ein Schimmer Nachmittagssonne. Die Pedalen quietschen. Abends leuchten im City Center überall Laternen und wir blicken von weit oben auf die Häuserdächer.

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