und deshalb.

Es gab Wochen, da habe ich Asien verflucht für seine Einfachheit. Für seine touristische Ader und deswegen auch mich selbst weil ich dazugehörte- und nicht wusste wie ich daraus ausbrechen kann.
Und es stimmt, was man sagt. Man muss den schweren Weg wählen auch wenn man den einfachen haben könnte um das echte Asien zu erleben. Denn das echte Asien ist eben nicht einfach. IMG_3882

Und vielleicht ist es das was ich jetzt am meisten daran liebe: Asien hat mir gezeigt, dass Dinge kaputt sein können. Motorroller, Busse, Systeme, Menschen. Sie können gebrochene Achsen haben, paradoxe Methoden oder geborstene Herzen. Sie können den Krieg in sich tragen, wie all die Geschichten in Kambodscha. Schutt und Asche in den Augen eines 20-jährigen, während er lacht. Städte ohne Regeln, fünf Geschwister, jugendlicher Leichtsinn, wenig Geld, wer weiß das schon. Wir wohl nicht.
Hier tickt die Uhr anders, hier schlägt das Herz schneller, hier dreht sich die Welt auf einer anderen Achse. Kein Australien aus dem Westen, nicht nur Strand in Thailand, nicht nur wandern in Vietnam, nicht nur erleben in Laos. Denn da draußen, vor der Urlaubernase, vor meinem Abenteuerherz, geht es allzu oft ums überleben. Während ich meinen Cappuccino schlürfe, steht die Welt in den Bambushütten am Straßenrand schief, in den Seitengassen von Siem Reap, in den Winkeln des Tourismus.
Und heute bin ich dankbar für die augenscheinliche Einfachheit. Für jedes dahinter versteckte zitternde Wort, für jeden unsicheren Blick, jedes Teilen der Kaputtigkeit. Und hoffe, dass ich bei meinem nächsten Besuch mehr sein kann als nur Zuschauer.

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Fotos: Felix M.

Darum.

Ich sitze am Bürgersteig. Durchbrochen von Baumwurzeln, Stufen und Gittern, bahnt er sich seinen Weg durch Chiang Mai. Irgendwo noch die Musik, jetzt nur noch dumpfer Bass hinter meinen Rippen. Ich hab die Arme auf den Knien, den Nacken zum Himmel, an dem man nichts sieht. Ich hab jemanden neben mir sitzen, der mir sein Leben erzählt. Ich hab den Asphalt unter meinen Flip Flops und neue Worte auf den Lippen. Weil sich deine Stimme ändert, wenn die Welt um dich herum es tut. Er erzählt von jahrelangem reisen, von einem Hostel auf hoher See. Von Geschäftsideen und Blogs und einem Finnen mit einem Haufen Ideen. Wir sitzen dort und lassen die Mücken unsere Fußgelenke zerstechen. Ich schaue mir das Rinnsal Dreckwasser an, das in den Gulli fließt, die kleinen Risse in der Straße, den Dreck zwischen den Fugen.
Und hab mein erstes Warum.

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Warum

Ich stehe in der Kälte, die Hände in die Ärmel gezogen, den bedeutungslosen Himmel über mir. Keiner guckt hoch; Alle gucken zu der Bühne, die vor dem Stadttheater steht.

Ich höre die Stimmen, die für diesen einen Moment meine Welt sind. Ein Gefüge aus Erwartungen und Regeln, das mein Körper schon wieder ganz automatisch befolgt. Das Leben ist wie dieses Spiel, wo man die Fugen zwischen den Pflastersteinen nicht berühren darf. Ich bin gut darin, wenn ich mich anstrenge.

Wir sind umringt von anderen Menschen, die alle irgendwie für das Eine stehen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Dieses Mal macht es Sinn Teil einer Masse zu sein.

Der Redner auf der Bühne redet, teilweise geht ein Applaus durch die Menge, zustimmende Rufe, irgendwo eine Stimme, die „NAZIS RAUS!“ ruft. Und ich schließe kurz die Augen. So stelle ich mir das im Nachhinein immer vor. Dass da dieser eine Moment ist in dem ich die Welt anhalte. Die Rufe und das Geräusch, das Menschen machen, meine eigene Atmung, euren Herzschlag, die Wolken über den Dächern der Stadt, das Toastbrot irgendwo in einer nahen Wohnung, wie es herausspringt und mitten in der Luft hängen bleibt. Dann ist da alles in meinem Kopf, pocht in einzelnen Satzgefügen immer und immer wieder gegen meine Stirn und formt einen einzigen endgültigen Satz:

 

Das ist also das Leben.

 

Seltsam, dass ich es in solchen Momenten noch weniger fassen kann, weil es so weit fort wirkt, so weit entfernt von meiner eigentlichen Definition und irgendwo in Hinnahme gefangen.

Dann ist es mir ein Rätsel wo ich beginnen soll. Mit den Worten, die endlich Sinn ergeben.

 

Das hier ist also das Leben.

 

Ich wünschte, ich könnte euch von meinem erzählen, wünschte ich könnte euch von den Menschen erzählen, dessen Leben es nicht ist. Die es anders führen, irgendwo tausende Luftkilometer entfernt oder direkt vor eurer Haustür.

Das hier ist also das Leben auf den Pflastersteinen.

Mein Herz aber wartet in den Fugen dazwischen.

Kings Canyon, Australia
Kings Canyon, Australia

Da ist Dreck und all das Schöne. Ich will fallen. Und unten aufschlagen. Ich will den Staub zwischen den Zähnen knirschen hören, will versagen.

Will nicht den perfekten Kaffee jeden Morgen, Nachrichten im Fernsehen und auswendig lernen, nicht gewinnen ohne zu verlieren.

Will mich hinschmeißen, Finger im Wind, Fäuste an Wänden, Hände die halten.

Ich will kämpfen, für etwas bluten. Will mich selbst rausreißen aus gewohnten Mustern und meinen Herzschlag kontrollieren. Türen zuschmeißen und neue öffnen. Will Klischee und Paradox sein. In einer Welt voller Plastik will ich mich daran erinnern, dass ich atme.